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Freimaurerinnenloge
TEMPERANTIA                        
Nr. 14 i. Or. Osnabrück

TEMPERANTIA@freimaurerinnen.de

TEMPERANTIA - unbequeme Tugend in der Überflussgesellschaft

Mäßigkeit, Ausgewogenheit, Selbstkontrolle - das sind gleich mehrere Übersetzungen für das Wort Temperantia. Zwei davon klingen recht streng. Sie haben gewissermaßen einen pädagogischen Impetus, der daran erinnert, dass Freimauerei nicht nur Selbsterkenntnis sondern Selbsterziehung ist.

Bijou der Loge "TEMPERANTIA"

Mäßigkeit ist eine Tugend, die schon zu Platons Zeiten gepriesen wurde. Gemeint ist nicht laues Mittelmaß, blasse Harmlosigkeit oder farblose Langeweile. Temperantia im Sinne von Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung (auf griechisch Sophrosyne) soll uns helfen, den Weg zu einem seelischen Gleichgewicht und einer tieferen Weisheit zu finden. Es geht uns dabei darum, in unserem Leben das rechte Maß und die richtige Mischung zu finden, und das kann nur jede einzelne für sich selbst.
Ausgewogenheit - das meint die Balance zwischen Innenleben und Außenwirkung, Arbeit und Freizeit, Schlafen und Wachen, Tradition und Modernität, Familie und Freundeskreis. Es geht darum, das rechte Maß auszuloten.
Kunst z.B. wirkt ästhetisch schön durch die rechte Proportion, das rechte Maß - eine wichtige Rolle spielt dabei der Goldene Schnitt, ein Proportionsschema, das das Auge intuitiv als stimmig erfasst.

Das Universum, das Weltall, ist in einer Art Balance. Hier wirken ausgewogene Kräfte der Abstoßung und Anziehung, die dafür sorgen, dass die Planeten nicht kollidieren, sondern ruhig ihre Kreise ziehen. Erde, Sonne und Mond - (das sind, glaube ich, die Himmelskörper, mit denen wir uns am meisten verbunden fühlen) - sind Elemente unseres Bijous.

Für den Kathedralenbauer sind Geometrie und Arithmetik unabdingbar - die Maße und Proportionen müssen in richtigem Verhältnis zueinander stehen, im Gleichgewicht sein - sonst stürzt der Bau ein. Eins der Instrumente, die der Maurer benutzt, ist das Lot, auch Senkblei genannt.

Auch dieses maurerische Symbol ist in unserem Bijou enthalten - als Zeichen dafür, dass wir immer wieder neu um unser Gleichgewicht ringen müssen. Das Lot steht in der Freimaurerei für Gradheit und Wahrhaftigkeit. Wir messen damit die Lauterkeit unserer eigenen Gedanken und Gefühle. Haben wir eine offene Denkungsart, sind wir aufrichtig uns selbst und anderen gegenüber?
Wir prüfen mit dem symbolisch ins Gewissen gesenkte Lot, ob wir das, was wir denken und glauben auch in Handlung umsetzen. Klafft zwischen Tun und Meinen noch eine breite Lücke - oder sind wir auf dem Weg, auch das ins Gleichgewicht zu bringen?

Temperantia ist unbequem. Das Ringen darum ist in anstrengendes Unterfangen, denn wir leben in ständigen Spannungen, in Polaritäten, die uns durchrütteln und immer wieder aus der Balance werfen - das musivische Pflaster verdeutlicht das. Licht und Dunkel, Freud und Leid, Ruhe und Hektik. Und es ist eine unendliche und anstrengende Aufgabe diese unvermeidlichen Pole auszugleichen, in uns selbst und in der Gesellschaft.

Die Welt der Werbung, Leuchtreklamen und Wohlstands-Klischees suggeriert, dass wir alles haben, tun und darstellen können, was wir wollen - und erzeugt mitunter eine ungesunde Sogwirkung. Kaufen, Konsumieren, Freizeitstress, Selbstdarstellung, Maßlosigkeit.
Bedeutet Mäßigkeit also auch Verzicht? Und wenn ja - warum, wofür oder für wen?

Wir alle wissen, dass in unserer Welt die Karten nicht gut gemischt sind. Ressourcen, Macht und Geld sind nicht ausgewogen und gerecht verteilt. Auf der einen Seite gibt es den Trend zum Zweit- oder gar Drittwagen, zum teuren Urlaub und Luxus - auf der anderen Seite verhungern Menschen oder sterben z.B. an einer Blindarmentzung, weil es keine medizinische Versorgung gibt. Viele haben keine Chance, zur Schule zu gehen und sich zu bilden. Ich habe den Eindruck, dass die Menschheit durch die Maßlosigkeit und Anmaßung der jeweils Mächtigen in diese Schieflage geraten ist (wobei ich mich durchaus zu den Mächtigen zähle). Und ich glaube, dass es uns hier in Deutschland trotz Wirtschaftskrise und Hartz IV im Vergleich zur Mehrheit der Menschen auf dieser Erde sehr gut geht.

Natürlich kann der persönliche Verzicht auf Luxusgüter an diesen Strukturen nichts oder nur wenig ändern. Aber darf ich deshalb dieses Thema fallenlassen und mich nicht weiter darum kümmern? Antworten darauf sind schwierig. Es gibt keine Patentrezepte. Und jede von uns setzt natürlich ihre eigenen Schwerpunkte.

Wir Freimaurerinnen können und wollen sicher nicht im Hauruckverfahren ganze Polit- und Wirtschaftssysteme verändern - das ist nicht unser Ziel. Wir möchten uns selbst verändern und vervollkommnen. Und dabei sollten wir gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge im Auge behalten. Wenn wir am Tempelbau der Menschheit arbeiten, dann geht uns das, was in der Welt geschieht, etwas an. Freimaurerei ist kein Elfenbeinturm und kein reiner Selbstzweck.

Unser Hauptaugenmerk liegt also auf unserer eigenen Vervollkommnung. Deshalb arbeiten wir zusammen und doch jede für sich am rauen Stein, um letztlich das zu werden, was wir mit all unseren individuellen Stärken und Fähigkeiten sein könnten. Die schrittweise Annäherung an dieses Ideal soll uns "veredeln", auf unser Umfeld wirken - und letztlich die Welt verändern. Dass alle Menschen Brüder und Schwestern werden und einander in Liebe begegnen - das ist die große Utopie der Freimaurerei.

Im Tarot - eine Art Kartenspiel zur Selbstfindung - gibt es in der Großen Arkana eine Karte, die Temperantia heißt. Sie hat übrigens genau wie unsere Loge die Nummer 14. Diese (Trumpf-)Karte drückt die Bereitschaft aus, sich auf das einzulassen, was uns im Leben begegnet, dabei aber nirgends hängen zu bleiben, nichts überzubewerten, nicht einseitig zu werden und die Kunst der richtigen Mischung zu entdecken. Im Tarot steht diese Karte auch für körperliche, geistige und seelische Gesundheit und zeigt diese Lebenshaltung als den Königsweg, der zum Höchsten führt. Die Kunst liegt darin, durch stetes Sich-Lösen und -Binden auf dem eigenen Entwicklungsweg voranzuschreiten. Dabei geht es nicht nur um Bindungen und Lösungen äußerer Art. Es geht auch darum, sich von alten Vorstellungen zu lösen, um sich in ein Weltbild einzubinden, das einer tieferen Wahrheit entspricht.

Bei Platon bedeutet Temperantia Sorgfalt und Klugheit der Lebensführung, maßvolle Ausgeglichenheit und Weisheit, Zügelung des Gefühlsüberschwangs. Ein hehrer Anspruch, hinter dem wir sicher alle mehr oder weniger weit zurückbleiben.

Wir werden oft mit Ereignissen, Verhaltensweisen, Ansichten, Problemen konfrontiert, die heftigste Gefühle in uns auslösen. Der Tod eines nahestehenden Menschen zum Beispiel. Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen. Unbedachte Worte, die verletzen. Rücksichtslose Taten, unter dem wir leiden. Das erzeugt Trauer oder Wut oder Hass.

Temperantia meint nicht, diese Gefühle zu unterdrücken. Im Gegenteil: Es ist wichtig, sie zuzulassen. Will man sie verdrängen, verstecken, verschütten, kommen sie an anderer Stelle umso heftiger wieder hervor. In Überreaktionen, die niemand mehr verstehen kann. Unterdrückte Gefühle können pathologisch werden und krank machen.

Aber: Gefühle zulassen - das ist nur der erste Schritt auf dem langen Weg zur angemessenen Emotion. Wer nicht im Überschwang der Gefühle ersticken und ihr Sklave werden will, muss sie sich im zweiten Schritt bewusst machen.

Mir hilft in Gefühlsstürmen zunächst Aktivität (Sport oder anderweitige körperliche Betätigung) und dann: Stille!
Ich muss durchatmen, mich zurücklehnen, die Dinge von innen und außen, oben und unten, von links und rechts betrachten. Und - aus einer gewissen bewussten zeitlichen und räumlichen Distanz heraus - mich selbst und andere hinterfragen, zu verstehen versuchen und mir darüber klar werden, was wirklich wichtig und wesentlich ist. Manchmal löst sich dann ein schier unlösbares Problem plötzlich in Luft auf... oder stellt sich ganz anders dar - so dass ich im dritten Schritt ausgewogen urteilen und maßvoll denken, fühlen und handeln kann.

 

Zehn Schwestern der Dortmunder Loge Rosengarten, die im Raum Münster-Osnabrück leben, haben im Januar 2003 den Verein "TEMPERANTIA e.V." gegründet. Die Lichteinbringung fand am 6. September 2003 statt.

Einmal im Monat treffen wir uns in Osnabrück mit interessierten Frauen. An diesen Gästeabenden hält meist eine der Schwestern einen kurzen Vortrag, dessen Thema direkt oder indirekt mit Freimaurerei im Zusammenhang steht. In der anschließenden Diskussion haben wir die Gelegenheit, uns näher kennen zu lernen. Es ist immer wieder schön, mit einem breiten Meinungsspektrum und verschiedenen Sichtweisen den eigenen Horizont zu erweitern. Allgemeine Fragen zur Freimaurerei sind nicht nur möglich, sondern erwünscht.

Wir Schwestern treffen uns außerdem einmal im Monat zur Tempelarbeit. Das Ritual, das gleichzeitig Verstand und Gefühl anspricht, ermöglicht uns feierliche Selbstbesinnung und meditative Einkehr. Wir schweigen über den Ablauf und Inhalt des Rituals, nicht weil es anrüchig ist, sondern weil es sich ähnlich schlecht erklären und vermitteln lässt -ähnlich wie ein Sinfoniekonzert oder der Live-Auftritt einer Band. Außerdem möchten wir ernsthaft interessierten Gästen ein schönes und beeindruckendes sinnliches Erlebnis bei der Aufnahme nicht verbal vorwegnehmen.

In bestimmten Zeitabständen gibt es Mitgliederversammlungen, Wahlen, Kassenberichte und organisatorische Absprachen im Vorstand oder Plenum. Das ist die vereinsrechtliche Seite, die auch zum Logenleben gehört.

Wenn Sie einen Gästeabend bei uns besuchen möchten, laden wir Sie gerne ein. Schreiben Sie uns einfach eine e-mail:
TEMPERANTIA@freimaurerinnen.de


 

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